(e)at_work
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* * * Projekte im Rahmen des Projekts 100.000 EURO JOB - gefördert mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes im Programm "Arbeit in Zukunft"
CV: Who is talking about work?
Eine begehbare Installation aus Lebensläufen
im Rahmen von "Redefine Work" des Berlin n@work (Telling Time-Festival, Sophiensaele)
20.10.2006



Worum geht es?

"Aussagekräftige Bewerbungen bitte mit Lebenslauf an....":
Der Lebenslauf - unser Aushängeschild in der Arbeitswelt, unser Leben auf zwei bis drei Seiten Papier, DIN A 4.
Wir konstruieren im normiert-schematischen Muster einen Teil unserer Identität. Wir reduzieren uns und unsere Lebenserfahrungen auf für den Arbeitsmarkt produktive Kategorien und Leistungen wie Alter, Zensuren und Abschlüsse. Wir klammern einen Großteil der für unser Leben, unsere Identität wichtigen Erfahrungen aus, weil sie innerhalb eines bestimmten Arbeitsbegriffs nicht als geleistete Arbeit, angeeignete "Schlüsselqualifikationen" oder erlernte "Kompetenzen" gelten. Einen Lebenslauf schreiben, heißt folglich Konstruktion und Reduktion. Aber auch Fiktion.
Wir schreiben eine Art Erzählung, die zu uns paßt. Wir erfinden und inszenieren unser Selbst für einen Anderen, aber auch für uns. Im Lebenslauf stellen wir uns so dar, wie wir uns selbst sehen: Was schreibe ich rein? Was nicht? Und warum? Das sind die entscheidenden Fragen auf der Suche nach der perfekten Arbeitsbiografie. Jedes Mal ein anderer Adressat. Jedes Mal ein anderer Lebenslauf.

Unser Leben wird wesentlich von und durch Arbeit geprägt und strukturiert. Wir konstruieren unser Leben zu einem großen Teil aus Arbeit und um Arbeit herum. Das stete Erlernen von neuen Fähigkeiten ist uns deshalb so wichtig, weil sie uns zu einer nächsten Arbeitsmöglichkeit verhelfen könnten. Lernen bringt uns menschlich sowieso weiter. CV: Who is talking about work? spricht über die Arbeitsbiografien junger Menschen -- in diesem Fall über die einzelnen Mitglieder des (e)at_work-Kollektivs - und geht auf die Suche nach der Konstruktion von Identität durch Arbeit. Welche Erfahrungen, Tätigkeiten und Arbeiten suche ich für meinen Lebenslauf aus? Welche Selektionskriterien wähle ich dafür? In welcher Form kann ich diese Arbeitsbiografie schreiben? Welcher Lebenslauf ergäbe sich, wenn wir alle erlernten "Skills" auflisten würden, wie Laufen, Essen und Küssen, Ski-Fahren und Seil springen? Was für ein Arbeits-Alltag verbirgt sich hinter den verschiedenen Tätigkeiten, der uns wohl letztlich mehr formt als die ausgeführte Tätigkeit an sich?

Mit unserem Text-Material greifen wir die überlegung von Richard Sennett auf, dass die biografische Konstruktion von Charakteren als eine Narration / Erzählung funktioniert. Sennetts Analyse läuft darauf hinaus, dass die Welt des flexiblen Kapitalismus eine solche Konstruktion erschwert oder sogar unmöglich macht. Er geht davon aus, dass die gegenwärtige Erfahrung einer nicht mehr kohärenten Zeit die einheitliche Erzählungskonstruktion unterbricht, viele Menschen aber zur glücklichen Entfaltung ihrer Persönlichkeit eine solche zusammenhängende Lebens-Erzählung brauchen.

In einer solchen Erzählungskonstruktion sowie in ihrer Unterbrechung finden wir die Struktur, die unterschiedlichen Texte in ihren je eigenen Formen, Inhalten und Sprechweisen zum Klingen zu bringen. In einer begehbaren Installation aus Lebens-Läufen.

Das Projekt CV: Who is talking about work? ist Teil unserer ersten Arbeitsphase: "Arbeit im flexiblem Kapitalismus" und funktioniert bereits als Grundlage für die nächste Arbeitsphase, in der wir uns mit Fragen zu "Arbeit und Identität" auseinander setzen werden.

Text und Konzeption: (e)at_work
Performance: Michael Conrad, Janine Eisenächer, Julia Szegedi, Sonja Winkel

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