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TRASH and NARRATION. eine
interaktive Müllhalde.
Interaktive Rauminstallation von Joy Harder, Berlin Konzept, soziale und politische Ziele "Es ist heiss. Ich wedele mir mit einem Foto, das erst einige Wochen alt ist, frische Luft zu. Es zeigt einen Fetzen weißes Papier, vertrocknete Herbstblätter, ein blaues Stück Kunststoff und ein kleines Kissen, rot und in der Form eines Herzens. Darauf steht I love you. Ist alles Müll. Im Eingangsschacht zu einer stillgelegten Mine, über 1000 km weit weg von hier..." Während das Projekt TRASH and NARRATION. eine interaktive Müllhalde. die Betonung auf den Prozess der gemeinschaftlichen Füllung und Gestaltung eines Raumes durch Besucher und Teilnehmer legt, motiviert sich der kreative Vorgang - d.h. die gemeinsame Gestaltung eines Raumes und dessen, was sich in ihm befindet - in erster Linie durch das gesellschaftliche Prinzip der Liebe zum Produkt: Was heißt das? Gegenstände interessieren uns, weil sie ihre eigene Geschichte erzählen, weil sie etwas "ausdrücken", weil sie uns etwas "bedeuten". Das gleiche paar Turnschuhe bedeutet genau genommen für jeden Menschen völlig unterschiedliche Dinge... Diese individuelle Bedeutung der Dinge bleibt jedoch meist verborgen und wird allzu leicht vergessen. Genau wie das, was ausserdem hinter einem "Produkt" steckt: Der Vorgang und der Ort seiner Entstehung oder die Menschen, die daran beteiligt waren. Auch darüber erfahren wir zumeist recht wenig... Als das gesellschaftliche Prinzip der Liebe zum Produkt verstehe ich demgegenüber die Liebe und Sucht nach Dingen, über deren tatsächliche Notwendigkeit und individuelle Bedeutung, über deren Hintergründe nicht bewusst nachgedacht wird. Produkt und Arbeit Als Arbeit gilt in unserer Gesellschaft eigentlich nur diejenige aktive oder bewusste menschliche Tätigkeit, die der Herstellung von Ware dient, d.h. von Produkten, deren Qualität an bestimmten "objektiven" Kriterien gemessen werden kann. Dabei wird häufig so getan, als wären Lust und Bedürfnis des Menschen identisch mit dem Marktwert der Dinge. Die Freiheit zum Konsum wird als Freiheit jedes einzelnen verstanden, sich zu definieren und mitzuteilen, ganz nach dem Motto Du bist, was du kaufst. Der allgemeinen Liebe zum Produkt entspricht in dieser Hinsicht gesellschaftlich betrachtet die angebliche Notwendigkeit und Möglichkeit der objektiven Beurteilung von Menschen, von Tätigkeiten und Prozessen. Arbeit und deren Entlohnung organisiert sich dementsprechend einerseits durch die Bedürfnisse des Marktes, andererseits anhand gesellschaftlich und kulturell festgelegter "allgemeiner" Interessen und Bedürfnisse. Dabei kann Arbeit immerhin auch die Zerstörung von etwas bedeuten. Etwas weiter gefasst wäre Arbeit jeder Prozess der Transformation, wie die Übersetzung eines Textes in deine eigenen Worte, die organische Zersetzung von Küchenabfällen auf einem Komposthaufen oder das Wachstum einer Pflanze. Um solche Art von Arbeit geht es in TRASH and NARRATION. eine interaktive Müllhalde.: um Arbeit als Veränderung und Aneignung von Wirklichkeit. Als Materialbasis dient dieser interaktiven Rauminstallation eine Auswahl ungewöhnlicher Reisesouvenirs: Müll, der aus aller Welt zusammengetragen wurde: aus Indien, Schweden, England, Deutschland (Berlin) und aus der Schweiz. An der Gestaltung des Raumes, der zur selben Zeit Schatzkammer, Abstellkammer, Bühne und Archiv ist, kann sich auf dieser globalen Müllhalde jeder Besucher beteiligen. Im Rahmen einer gemeinsamen Tausch-Expedition in den öffentlichen Raum und einer künstlerisch-gestalterischen Werkstatt erhalten Besucher die Gelegenheit, sich intensiver mit den Dingen im Raum auseinander zu setzen. Narration - etwas, das dem Menschen aufgrund der Arbeitsbedingungen im heutigen "flexiblen Kapitalismus" (R. Sennett) mehr und mehr abhanden kommt - meint im Rahmen von TRASH and NARRATION. eine interaktive Müllhalde. die individuell und gemeinsam hervorgebrachte Erzählung als Statement. Ihre Funktion besteht in der kreativen Sinnstiftung als Möglichkeit zur Organisation des Subjekts, zur Positionierung im Kontext von Kultur und Gesellschaft, und in der Kommunikation (über-)individueller Bedürfnisse, Wünsche und Interessen. TRASH and NARRATION. eine interaktive Müllhalde. stellt die verbreitete Vorstellung von Freiheit zum Konsum als politische Freiheit in Frage: Einer Behauptung, die das Produkt wichtiger nimmt als den Vorgang seiner Entstehung und so tut, als wären Lust und Bedürfnis identisch mit dem Marktwert der Dinge, wird die Freude an kreativer und spielerischer Auseinandersetzung als Erzählung und Statement entgegengesetzt. Was hat es mit den tatsächlichen Bedürfnissen und Wünschen der Menschen auf sich, die in unserer modernen Wegwerf-Gesellschaft leben und arbeiten? Arbeitsmaterialien, Umsetzung und Form (Präsentation und Dokumentation) Den Ausgangspunkt des interaktiven Gestaltungs- und Bearbeitungsprozesses bildet ein zentral gelegener Ladenraum im Stadtteil Neukölln, eines Berliner Bezirks, dessen soziales Leben durch das Nebeneinander der verschiedensten Kulturen, aber auch durch Armut und Ausgrenzung bestimmt wird. In diesem Raum findet der Besucher zunächst den Müll aus verschiedenen Ländern der Welt vor. Dieses Ausgangsmaterial verweist eindringlich auf die globale Dimension der Thematik. Jedes Ding erzählt seine eigene Geschichte. Der Besucher wird gebeten, diese Geschichte zu erraten oder zu recherchieren. Ihm stehen dazu Computer, Internet und Drucker zur Verfügung. Er darf die Geschichte der Dinge nach seinen Vorstellungen verändern oder neu schreiben. Er darf jederzeit etwas verändern, dem Raum etwas zufügen oder wegnehmen, sein Interesse für diesen oder jenen Gegenstand erklären und als dokumentarisches Material (in Schrift, Ton oder Bild) im Raum ausstellen. Das gemeinschaftliche Nach und Nach des Gestaltungsprozesses ereignet sich im Zeitraum von einer Woche. Der gesamte Arbeitsprozess wird auf Video, teils zusätzlich oder ausschließlich in Schrift oder Ton dokumentiert und ist, zusammen mit dem Inhalt des Raumes, nach Ablauf dieser Woche als Material weiter zu verwenden. Am dritten Tag wird zusätzlich ein offener Workshop in Form einer Expedition in den öffentlichen Raum des Bezirks angeboten. Die Teilnehmer dieses Workshops werden gebeten, Dinge aus dem Raum (oder selbst mitgebrachte Gegenstände) bei Bekannten oder Fremden im Bezirk gegen etwas anderes zu tauschen. Dabei kann es sich um alles Mögliche handeln, um Geld genauso wie um eine Geschichte. Jede Tauschaktion wird per Videokamera dokumentiert. Am fünften Tag werden alle Dinge, die bis dato auf die interaktive Müllhalde geworfen wurden, zum Material einer künstlerisch-gestalterischen Werkstatt. Verschiedenste Möglichkeiten des gestalterischen Umgangs mit dem vorhandenen Material werden erläutert und angeleitet, Vorstellungen und Ideen gestalterisch umgesetzt. Die Gruppe kann sich dabei auf ein gemeinsames Vorhaben einigen, das den gesamten Raum als Ganzes bearbeitet, oder auf die individuelle Arbeit an Teilen des Ganzen. Diese Arbeiten können sämtliche im Raum zur Verfügung gestellten Medien zur Hilfe nehmen. Perspektiven TRASH and NARRATION. eine interaktive Müllhalde. entsteht mit Perspektive auf eine moderierte Teilnahme des Projekts am geplanten (e)at_work-Festival in Berlin im kommenden Jahr. Eine Präsentation des Projekts TRASH and NARRATION. eine interaktive Müllhalde. an anderen Veranstaltungsorten ist in Form einer Ausstellung der im Laufe des Gestaltungsprozesses entstandenen Materialien und des ausgewerteten Dokumentationsmaterials denkbar. In diesem Zusammenhang wird das Material einem an das Ausgangprojekt anschließenden künstlerischen Transformationsprozess (Recycling) - d.h. der gestalterischen Bearbeitung durch die Künstlerin im Sinne einer Auseinandersetzung mit und Verarbeitung von den im Rahmen des einwöchigen Prozesses gemachten Erfahrungen - unterzogen (Dauer: ca. 3 Tage). Dem Publikum steht es frei, sich im Rahmen dieses Recyclingprozesses an die Künstlerin zu wenden und sich gegebenenfalls an der Arbeit mit dem Material zu beteiligen. (Denkbar wäre ebenso ein Recycling der Struktur, d.h. die Wiederholung des gesamten interaktiven Vorgangs an einem anderen Veranstaltungsort und unter Verwendung neuen "regionalen" Mülls. Diese Möglichkeit wird jedoch wegen des erhöhten finanziellen Aufwandes vom Erhalt zusätzlicher finanzieller Mittel abhängig gemacht.) zurück... | ||
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